Mit dem Zelt unterwegs auf dem Dingle Way

Endlich geht es los! Die Ausrüstung ist komplett und der Flieger bringt mich zum kleinen Kerryairport. Erinnerungen werden wach, denn hier startete auch meine Wanderung auf dem Kerry Way 2015. Dieses Mal bringt mich der Bus aber nicht nach Killarney, sondern nach Tralee, dem Start und Endpunkt auf dem Dingle Way.

Tralee hat einen wunderschönen Rosengarten, es lohnt sich durhzuschlendern. Zu kaufen gibt es hier alles, was man so braucht. Und so fülle ich meine Vorräte auf, um mich auf dem Weg zu versorgen.

Tralee

Da die 1. Etappe und die letzte Etappe gleich sind, von Tralee nach Camp und dann von Camp nach Tralee, nehme ich einmal den Bus und starte dann voller Eifer Richtung Dingle.

Ich gehe das ganze total entspannt an… oder auch nicht, denn dieses Mal werde ich alles spontaner und abenteuerlicher machen als zuvor. Das betrifft vor allem die Nächte. Die Streckenführung und Distanzen und auch Höhenmeter sind mir bewusst und somit überlege ich von Tag auf Tag, wo ich letztendlich halten und übernachten werde.

Rosengarten Tralee

An der kleinen Stadt Dingle kommt man nicht ohne Stopp vorbei, bekannt für den Delfin Fungie, ist er bei vielen Touristen sehr beliebt. Es überschwemmt einen regelrecht mit Pubs, Supermärkten, Restaurants und touristischen Bootsausflügen. 

Obwohl ich nach meiner 1.Etappe noch etwas Zeit habe, nutze ich sie nicht für eine 60€ Bootstour, um Fungie zu sehen, sondern gebe mich stattdessen mit der Bronzestatue zufrieden.

Meine freie Zeit nutze ich, um in aller Ruhe ein bisschen Ukulele zu klimpern. 

In Dingle nächtige ich im Hostel und genieße die Dusche und das bequeme Bett in vollen Zügen.

Hilfe! Wo bauen ich mein Zelt auf?

Meine Strecke führt mich von Dingle bis Dunquin… eigentlich. Am Ende wurde es dann doch etwas oder doch noch viel mehr.

Hinter Dingle wartet zunächst ein wundervoller Strand auf mich, ideal um ausgiebig meinen neuen Kocher zu testen und ihn mit dem selbst zusammengemixten Porridge zu füllen.

Schon früh schien die Sonne und ich habe den Tag so langsam und erholsam angehen lassen und wirklich alles intensiv genossen.

Mir war zwar bewusst, dass ich noch einen Berg vor mir hatte, dachte aber, das ganze wäre ein Kinderspiel. Ich habe nicht mit der konstanten Sonneneinstrahlung gerechnet. Denn man munkelt ja, in Irland regnet es täglich – Pustekuchen.

Mit dem Erklimmen des Berges erwarteten mich bereits spektakuläre Ausblicke auf Blasket Island. Eine fast unbewohnte Insel, vor der irischen Küste, die im traumhaften türkisenen Atlantik liegt.

Meine Euphorie ist groß. Schafe blöken um mich herum, Wasser plätschert und Wellen rauschen. Immer wieder führt der Weg über kleine Trittleitern. Ein Zeichen dafür, dass man Farmland betritt, verlässt oder einfach nur wechselt.

Blick zu schlafenden Riesen

Trittleitern um Trittleiter und Schritt um Schritt in der Sonne lässt mein Trinkwasser schwinden. Zunächst mache ich mir wenig Sorgen, denn Dunquin ist nicht mehr weit.

Auf meinem Weg plaudere ich mit einer deutschen Reiseleiterin, die ihre Tour vorbereitet und erhalte somit tolle Hintergrundinformationen zu den verfallenen Ruinen und der Sage des „schlafenenden Riesen“.

Endlich in Dunquin mit meinen letzten 500ml Wasser angekommen und wie ich dann merkte, einem heftigen Sonnenbrand. Der Wind in Irland ist tückisch und ich merke erst viel zu spät, dass es schon lange überfällig ist mein Gesicht noch besser zu schützen.

Bucht hinter Dunquin

Dunquin ist aber nun gar nicht so verschlafen, wie ich dachte. Alle freien, für mich brauchbaren Flächen waren mit Touristen belegt. Denn ab Dunquin fährt die Fähre nach Blasket Island. Und so heißt es für mich weitergehen. 

Ich durchquere Dunquin, finde endlich freie Flächen, die einigermaßen trocken sind und wenig sumpfig. Leider oben auf einem Bergpass. Mir scheint es hier viel zu ungeschützt und windig. Also laufe ich weiter. Langsam den Berg absteigend merke ich, dass ich kein Handynetz mehr habe. Mich beunruhigt es irgendwie. Alleine im Zelt kein Netz? Also laufe ich wieder zurück, den Berg hoch… denn Netz gab es dort ja.

Der Wind hat oben am Pass so stark zugenommen, dass ich nun unmöglich mein Zelt hier aufstellen will. Also wieder den Berg runter. 

Entscheidungen treffen kann manchmal sehr schwierig sein. 

Endlich ein geeigneter Ort

Ich laufe also weiter. Langsam wird es schon dunkel und ja nun brauche ich wirklich dringend ein Plätzchen. Mein Fluchen erschreckt zeitweise die Schafe und sie starren mich nur noch erschrocken an.

Kurz vor Sonnenuntergang, finde ich endlich einen Platz. Windgeschützt, recht eben und fast sichtgeschützt. Netz habe ich nicht und Wasser auch nicht mehr. Aber mir ist alles egal, denn ich habe einen wundervollen Blick auf das Meer und bin sowieso todmüde. So schlafe ich direkt ein. 

Die Nacht wird jedoch nochmal spannend. 

Durch ratterndes Metall werde ich schlagartig wach. Eine Taschenlampe leuchtet außen mein Zelt an. Ich verfallen kurzerhand in Schockstarre und denke direkt an den klassischen Kettensägen-Mörder. Eine mir in diesem Moment nicht verständliche Sprache ertönt von außerhalb meines Zeltes. 

Das Licht zieht jedoch vorbei und blöken eines Schlafes verrät mir, dass ein Farmer bei der Arbeit ist. Alles halb so schlimm. Ich liege wohl leider irgendwie auf seinem Gelände. Er belässt es jedoch dabei. Ein schlechtes Gefühl habe ich trotzdem.

Mit meinem Taschenmesser in der Hand, ja ich weiß…, schlafe ich dann schnell wieder ein.

Ohne Wasser in den Tag

Es ist ein schöner Morgen, vor mir das Meer und ein kleiner Bach neben mir. Bei all dem Geplätscher fällt mir ein… Ich habe gar kein Wasser mehr.

Also kein Porridge und kein Trinken. Doof, denke ich mir, denn die Sonne scheint schon wieder. 

Ich hüpfe kurz ins Meer, um mich zu erfrischen und denke daran, mein Wasser im Bach aufzufüllen. Tue es aber nicht, da ich keinerlei Filtersystem dabei habe.  

Also baue ich mein Zelt ab und laufe ohne los. Zunächst frohen Mutes, sicherlich bald auf einen Shop zu treffen.

Wieder ein sonniger Tag

6 Kilometer später denke ich langsam daran, wie es wohl wäre jetzt etwas zu trinken… Ein Traum. Den Tag zuvor hatte ich satte 3 Liter verbraucht. Immer wieder sage ich mir: „Du musst daraus lernen, sei sparsamer beim nächsten Mal und trink zur Hölle langsamer!“

Nach 10 Kilometern entwickle ich ein bisschen Selbsthass und jede Pfütze erscheint mir wie eine Erlösung.

Mein Gesicht und meine Kehle brennen und es wird Zeit für eine Entscheidung, da weit und breit kein Haus in Sicht ist.  

Einfach mal Straße laufen bis zum nächsten Haus

Also zücke ich mein Handy (juhu zum Glück wieder mit Netz) und suche eine Ortschaft. 

4 Kilometer Umweg… Kein Problem für die Erlösung. Also verlasse ich den Dingle Way und mache mich auf die Suche nach Wasser.

So laufe ich nun auf Straßen und sie scheinen endlos. Hin und wieder braust ein Auto an mir vorbei, einige halten auch an. Doch nein, ich will zu Fuß weiter gehen und es schaffen. Je länger ich laufe, desto zweifelhafter scheint mir das Ganze jedoch.

3 sisters

Nach gefühlter unendlicher Zeit sehe ich ein Schild mit einem Hinweis „Pub“. Ein Schild voller Hoffnung. Zuversichtlich erhöhte ich mein Tempo wieder.

Glückseligkeit überfiel mich als ich in eine Ortschaft lief. Ein Pub, Ein Restaurant und ich komme aus der Freude nicht mehr raus… Ein Supermarkt. Lieder alles geschlossen. Aber immerhin Wohnhäuser. 

Zum Glück sind hier alle sehr freundlich und helfen mir weiter. Ich werde sogar mit Kaffee und Kuchen versorgt. Die Iren sind schon einfach toll. 

Gefühlte 1,5 Stunden pausiere ich, und genieße das gekühlte Wasser, einen Kaffee und eine Cola. Ich fülle meine Reserven auf und setze noch einen drauf. Nie wieder will ich durstig sein und ich bin sicher es geht noch viel schlimmer. Das wünsche ich keinem.

Hochmut kommt vor dem Fall

In wahren Rausch trage ich nun 5 Liter Wasser mit mir, in der Hoffnung, für die Hitze, den Hunger und den Durst an zwei Tagen gerüstet zu sein.

Schon das Aufsetzen meines Rucksacks stellt sich nun aber als kompliziert heraus. 

Erst einmal eine Anhöhe suchen, den Rucksack höher platzieren und dann geschmeidig aufgleiten lassen. 

Naja, gefühlt zog mich die Schwerkraft grad mal durch die gesamte Erdkugel. 

Als ich es aber nun endlich schaffe trabe ich, nein krieche ich im Schneckentempo los. Erst einmal wieder über die Straßen, um auf den Dingle Weg zurück zu kommen. 

Trittleitern

Wenn man mehrere Kilometer Asphalt läuft und dabei gefühlt einen Ochsen auf seinen Schultern trägt, wird man irgendwann nachlässig, vielleicht auch träumerisch oder schwer traumatisiert? 

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es mich plötzlich zu Boden reißt. Kurze Unachtsamkeit wird bestraft. Meine Knöchel knickt zur Seite und schon liegt die Schildkröte auf dem Rücken. Ja, es fällt sich schwer mit 5 Liter Wasser. Und Aufstehen ist quasi unmöglich. Nun denn, einen Liter verliere ich sowieso, weil ich auf die Flasche falle, dazu noch etwas Blut und Haut. Zum Glück bleibt der Rest ganz.

Aua

Ich kann mich von meinem Rucksack befreien und mich von der Straße hieven. Zum Glück kommt kein Auto, welches mich überfährt oder auch nur annähernd die „Schildkröte auf dem Rücken“ Szene sieht. 

Nach der Wundversorgung humple ich weiter. Zum Glück ist es nicht mehr weit bis zu einem Campingplatz, denn irgendwie ist es mir danach, mir eine heiße Dusche zu gönnen. 

Grün, Grüner, am Grünsten

Meine Nacht auf dem Campingplatz ist erstaunlicherweise sehr erholsam und gleichzeitig sogar recht günstig. Beim Versuch am Morgen Porridge zu kochen fackle ich zwar fast die gesamte Wiese ab, aber ich will mir den Tag nicht verderben lassen. Also lasse ich den Porridge einfach sein und nehme mir vor etwas unterwegs im Pub zu frühstücken. 

Der Himmel ist bedeckt und die Strecke, die vor mir liegt, verspricht einiges. Also starte ich äußerst optimistisch und fröhlich.

In Feohanagh betrete ich dann als Erste diesen Morgen einen Pub. Der Wirt ist äußerst freundlich, obwohl er mir sagt, sein letzter Gast sei erst vor wenigen Stunden gegangen und so säubert er den Pub von den Schandtaten der letzten Nacht und bereitet mir ein traditionelles irisches Frühstück zu. 

Die Strecke bis zum Fuße des Mount Brandon ist wunderschön. Entlang der Küste und über Weiden schlängelt sich der Weg Richtung Berg. Immer wieder lichtet sich die Wolkendecke und man bekommt einen freien Blick auf die nachfolgende Etappe. Das es anstrengend wird, kann man auch durch den Nebel sehen. Ich freue mich trotzdem auf den nächsten Tag, es kann quasi nur aufwärts gehen.

Die Überquerung des Mount Brandon

Die heutige Etappe starte ich bereits früher, es liegen zwar nicht mehr Kilometer vor mir, aber dafür deutlich mehr Höhenmeter. Der Nebel hängt noch am Berg und ich hoffe, er wird sich im Laufe des Tages verziehen und mir einige Blicke freigeben.



700 Höhenmeter liegen vor mir und zunächst verläuft die Steigung flach über Weidefläche. Immer ein Stück aufwärts, immer etwas dichterer Nebel.

Zu meiner Freude ist die Wiese trocken und somit einfach zu laufen. Bei Feuchtigkeit bringt diese Etappe noch einmal besondere Herausforderungen mit sich.

Aufstieg Mount Brandon

Der Nebel wird zunehmend dichter. Die Beschilderung ist kaum noch zu erkennen und manches Mal erschrecke ich mich, da ein Schaf durch den Nebel huscht. Immer wieder denke ich, dass ich doch oben sein müsste, doch der Sattel, den ich queren muss und auch der Gipfel sind nicht zu erkennen.

Im weiteren Verlauf des Weges ändert sich die Beschilderung. Weiße Pfosten zeigten nun den Weg und es gibt zunehmend mehr zu klettern. Größere und kleinere Felsen sowie kleine Bachläufe erhöhen das Hüpfvergnügen.

Nach ca. 2 Stunden, ohne größere Pause, erreichte ich den höchsten Punkt des Dingle Ways. Die Spitze des Mount Brandon spare ich mir, aufgrund der unschönen Sichtbedingungen.

Fernsicht

Von nun an geht es nur noch runter bis zum Meer. Mehr oder weniger rutschig und steil. Man könnte theoretisch die Brandon Bucht vor einem liegen sehen. Theoretisch. Praktisch gesehen habe ich zeitweise das Glück einige Blicke zu erhaschen, als der Nebel sich langsam verzieht.

Endlich kein Nebel mehr – Blick auf Brandon Bay

Comments

  • 17. Mai 2022

    Hi Saskia,
    Vielen Dank für deinen Blog über deine Wandertour auf dem Dingle Way. Ich habe dieses Jahr meine erste Fernwanderung gemacht und dafür allein den Wicklow Way absolviert. Allerdings bin ich nicht so „Hardcore“ und habe in B&B übernachtet und zum Schluss auch mein Gepäck transportieren lassen. Auf alle Fälle habe ich „Blut geleckt“ und recherchiere für meine nächste Fernwanderung. Da es unbedingt wieder Irland sein soll, bin ich auf deinen Blog gestoßen. Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und Energie für die Wanderungen und werde sicher regelmäßig mitlesen.

    reply
  • Lea
    2. Juni 2022

    Hallo Saskia,
    lieben Dank für deinen tollen Bericht. Gerade die verschiedenen Hürden und deine Erfahrung mit dem Wildzelten war sehr relevant für mich, da ich auch vorhabe wildzuzelten. Ich mach das jedoch zum ersten Mal und ich bin auch zum ersten Mal alleine unterwegs, deshalb hab ich etwas Angst, dass etwas schief läuft. Auf was muss ich denn unbedingt achten und hast du Erfahrungen mit weiteren Fernwanderwegen in Irland, die vielleicht etwas frequentierter sind? Ich denke ich brauche die Sicherheit, dass ich zur Not auch in den nächsten Ort oder an das nächste Haus kommen kann, um mir Essen und Trinken zu besorgen, da mein Stoffwechsel recht lebendig ist… Ich würde mich über einen Austausch freuen. Ich habe meine E-Mail Adresse angegeben und würde mich freuen, wenn du mir da schreibst.

    Liebe Grüße
    Lea 🙂

    reply

Post a Comment

de German
X